Pro und Contra

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Erstellt am Dienstag, 14. August 2012 20:14
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Die ersten 10% meines Terabytes im Kopf sind nach fünf Tagen sortiert. Das bringt mich zu dem versprochenen Resumee. Also - was spricht für, und was gegen diese Veranstaltung, wenn man die Chance hatte, ihren Pulsschlag umittelbar zu fühlen ? (Der Blog wird natürlich auch danach noch weitergehn - es sind ja noch 900 Gigabyte übrig...)


Gründe, für Olympia zu sein

  • Ab der zweite Reihe der Athleten merkt man: Dabeisein ist alles. Sie sind (und waren es schon bei der Qualifikation) überglücklich, hier zu sein, setzen sich ein Minimalziel und geben alles, um es zu erreichen. Wenn sie ausgeschieden sind, setzen sie sich zufrieden auf die Sportlertribüne und genießen die restliche Zeit.
  • Olympia ist die Weltausstellung des Sports: Es zieht Zuschauer an, die noch nie bei dieser Sportart waren. Sie haben z.B. Tickets fürs Tischtennis bekommen und schauen sich das mal an. Ein paar Hundert von ihnen bleiben hängen und gehen in einen Sportverein - und schon haben wir wieder Sozialpolitik gemacht: Jugendliche weg von der Straße, Menschen sozial integriert, all das, was ich immer als die wichtige Rolle des Sports bezeichne.
  • Dadurch haben umgekehrt auch die Teilnehmer jeder Sportart mal was Besonderes an den Zuschauern, und das macht das "olympische Flair" aus - zum Beispiel habe ich schon oft 5000 Zuschauer erlebt, aber noch nie, dass die mit 100 Flaggen ausgestattet "Deutschland ! Deutschland !" skandiert haben. Ich bin auch noch nie durch eine Stadt gelaufen, habe zahllose Gleichgekleidete getroffen und auf die Schulterklappen geschaut um zu sehen: Na, von welcher Sportart bist DU ?
  • Es ist das größte teambuilding-event aller Zeiten: 70.000 (siebzigtausend) Games Makers, also freiwillige Helfer, haben diese Spiele ermöglicht und uns Teilnehmern das Leben massiv erleichtert. Sie alle sind auf Freundlichkeit, Sachkenntnis, Überblick und Zusammenarbeit trainiert worden. Eigenschaften, die sie in ihrem weiteren Leben behalten und -auch durch ihre Begeisterung über das Erlebte- an ihre Freunde und Familien weitergeben werden.
  • Das Gleiche gilt für den Fackellauf: Ich habe im Vorfeld mitverfolgt, wie viel Engagement, Begeisterung, Stolz und vor allem Selbstbewusstsein er den Fackelträgern und ihren Freunden und Familien verliehen hat; das sind Werte, die bleiben.
  • 15.000 Soldaten haben mal zwei Wochen (plus zwei bei den Paralympics) etwas wirklich Sinnvolles getan: Scanner bedient, Menschen informiert, freundlich gegrüßt - uns allen das Gefühl gegeben, dass sie nicht panisch, sondern entspannt für unsere Sicherheit sorgen (und so war es ja dann auch.)
  • Industriebrachen zu Landschaftsparks ! "It was a slum", sagte ein englischer Kollege über den Zusstand, in dem London-Stratford vor zehn Jahren war. Heute steht dort der Olympiapark: Weitläufige Promenaden, grüne Inseln entlang eines Flüsschens - BUGA-Feeling vom Feinsten. Olympia kostet Unsummen - aber die sind ja nicht verbrannt. Sie sind ein langfristiges Konjunkturprogramm.
  • Ach ja, und ganz eigennützig: Es gibt nichts Einfacheres für einen Touristen, als mit einer Akkreditierung um den Hals eine Stadt zu besichtigen, in der gerade Olympia ist. Kostenlos U-Bahn-Fahren in doppelter Taktfrequenz; überall freundliche Volunteers, die einen neugierig nach dem blauen T-Shirt fragen (sie selber haben 70.000 mal lila, wir nur 5.000 mal blau ;-) ; Stadt leer weil Einwohner in Urlaub geflüchtet ...

Gründe, gegen Olympia zu sein

  • Für die Top-Leute geht es nicht um den Olympischen Geist - sondern darum, ihren Marktwert zu erhöhen.
  • Wir hatten keine akuten Dopingfälle, trotzdem schwebt immer die Vermutung mit, dass ein Teil der Spitzenleistungen durch Betrug zustande kommt; das ist doppelt schlimm - zum einen der Betrug an sich, zum anderen beleidigt es diejenigen, die sich ihre Siege ehrlich erkämpft haben. 
  • Die Spiele machen sich selber wichtig, um auch wirklich als etwas Besonderes wahrgenommen zu werden: Eigentlich läuft da ein ganz normales Tischtennisturnier ab. Aber die besondere Schiri-Kleidung für 5000 Menschen für nur zwei Wochen unseres Lebens; die Freizeitklamotten, die wir brav durch die Stadt tragen sollten; die Hüte, die wir kein einziges Mal aufgesetzt haben - das alles wirkt irgendwie übertrieben. Vor allem, wenn man dann die gewöhnlichen, allzu menschlichen Pannen erlebt (Koreaflaggen im Fußball, Heidlers Weitenmessung, ...)
  • "Spiele hinter Gittern" - die Sicherheitsmaßnahmen waren, wenn man es sich mal in Ruhe angesehen und drüber nachgedacht hat, gespenstisch und bedrückend. Signalzäune wie zu DDR-Zeiten. Flugabwehrgeschütze auf Hochhäusern ! Im Grunde kamen Eure Livebilder direkt aus Fort Knox. Es ist klar, dass es aus politischen Gründen nicht anders geht, es war hochprofessionell und wir alle hatten Verständnis dafür. Aber es ist schade, dass es sein muss.
  • Maßlos übertriebene Werberichtlinien: Jeder Spieler darf nur EIN Logo seines eigenen Ausrüsters pro Kleidungsstück und pro Equipment tragen. Das führte nicht nur dazu, dass die Spieler an einer extra Kontrollstelle ihr Schlägerkantenband abnehmen und durch ein bereitgestelltes, logofreies ersetzen mussten - sie mussten auch ihre Taschen ausleeren, einen Trinkflaschen-, Kleidungs- usw. -Check erdulden, und Logos auf ihren Socken (!!) überkleben...
  • Die Sponsoren von Olympia sind so dumm, dass es tropft, weil sie durch lächerliche Marketing-strategien potentielle Kunden GEGEN sich aufbringen. Den absoluten Vogel abgeschossen hat dabei der Kreditkartensponsor, nennen wir ihn XYZ: Man konnte auf dem gesamten Gelände nur bar oder mit seiner XYZ-Karte zahlen, nicht aber mit anderen Kreditkarten. Und man konnte Tickets nur online und NUR mit einer XYZ-Kreditkarte bezahlen. Peinlicher geht's nicht. 
  • Das Gedränge und das ewige "Make some noise" des Hallensprechers kann einem tierisch auf den Senkel gehen.
  • Man läuft immer mal mit der etwas mulmigen Frage durch die Stadt, wie viel von den Annehmlichkeiten und schönen Seiten hinterher noch für die Bewohner dableibt und wieviel nur Fassade war. 



Ich hatte ja schon gesagt, jeder muss für sich selbst entscheiden, welche Spalte überwiegt. Ich habe die Entscheidung aber für mich auch getroffen: Ich finde, dass unter dem Strich das Gute mehr zählt als das Negative. Denn die Pro-Argumente haben auf viel mehr Menschen Auswirkungen als die Contra-Argumente. Also stiften Olympische Spiele Nutzen in der Breite - und das wiegt schwerer als die paar Betrüger unter den Medaillenträgern und als die paar Leute, die sich mit den Spielen bereichern und dabei auch noch dumm anstellen. Also, liebes IOC: Bei mir hat sich Euer kostenloses London-Ticket gelohnt: Ich halte von Eurer Veranstaltung hinterher etwas mehr als vorher. Aber hüpft nicht zu sehr an die Decke deswegen. Laughing